Nicht alle Filme, nur weil sie in der Antike spielen, kann man als Monumentalfilme bezeichnen. Im antiken Gewand gibt es mehrere Gattungen, wie z. B. Satiren, Erotikfilme und vor allem die vielen Abenteuerfilme, meist italienischer Herkunft, die schnell und billig produziert wurden und bei denen keine großen schauspielerischen Fähigkeiten erforderlich waren. Leider werden aber in den Zeitungen und anderen Medien die Monumentalfilme oft falsch angekündigt und z. B. als einfache Abenteuerfilme bezeichnet.
Monumentalfilme sind Historienfilme
und zugleich epische Dramen. In ihnen geht es immer um große Werte.
Im engeren Sinne kann man die in der Antike angesiedelten Filme als Monumentalfilme
bezeichnen - welche oft in unzutreffender Weise als Sandalenfilme bezeichnet werden -
die wir hier betrachten wollen. Gelegentlich gibt man auch
im Mittelalter und späteren Epochen spielenden Filmen den Beinamen Monumentalfilm, wie z.
B. dem im Mittelalter angesiedelten Film „El Cid“ von Anthony Mann aus dem
Jahre 1961.
Die Blütezeit des Monumentalfilms fällt bereits in die Stummfilmzeit, welche eine Menge epochemachender Werke produziert hat, an denen sich spätere Filmemacher immer wieder orientiert haben. Werke wie „Cabiria“ (Giovanni Pastrone, 1913), „Intolerance“ (D. W. Griffith, 1916), „Die Zehn Gebote“ (Cecil B. DeMille, 1923), „King of Kings“ (DeMille, nebst Griffith, 1927) und vor allem „Ben Hur“ (Fred Niblo, 1925) sind in die Filmgeschichte eingegangen.
Wegen der hohen Kosten wurden Monumentalfilme nicht en masse produziert. Die Amerikaner hatten das Geld vor allem in den Fünziger und Sechziger Jahren, die die Goldene Epoche des Monumentalfilms schlechthin darstellt, auch, weil die Konkurrenz des Fernsehens sich bemerkbar machte, der man entgegenwirken wollte. Jede Produktionsfirma brachte während dieser Zeit ihren Monumentalfilm heraus.
![]() |
Szene aus „Samson und Delilah“ mit Victor Mature und Hedy Lamarr, Paramount. |
Diese Serie des antiken Historienfilms wird 1949 mit Cecil B. DeMills „Samson und Delilah“ eingeleitet. Im weiteren Verlauf der Fünfziger Jahre wurden so berühmte Filme wie „Quo Vadis“ (Mervyn LeRoy, 1951), der erste Breitwand-Film „Das Gewand“ (Henry Koster, 1953), „Sinuhe, der Ägypter“ (Michael Curtiz, 1954), „Der Untergang von Troia“ (Robert Wise, 1955), „Alexander der Große“ (Robert Rossen, 1956), „Die Zehn Gebote“ (Cecil B. DeMille, 1956) und „Ben Hur“ (William Wyler, 1959), das erhabendste Werk der gesamten Filmgeschichte, produziert.
![]() |
| Szene aus „Quo Vadis“ mit Peter Ustinov und Patricia Laffan, MGM. |
Die Sechziger brachten u. a. Werke
wie „Spartacus“ (Stanley Kubrick, 1960), „Cleopatra“ (Joseph Mankiewicz,
1963), „Der Untergang des römischen Reiches“ (Anthony Mann, 1964) und
„Die größte Geschichte aller Zeiten“ (George Stevens, 1965) hervor.
Neben der Masse antiker Abenteuerfilme, welche die Italiener besonders seit
den Sechziger Jahren hervorgebracht haben, gab es jedoch auch einige wirkliche
Monumentalfilme, so z. B. „Die Irrfahrten des Odysseus“ („Ulisse“,
Mario Camerini, 1954), „Konstantin der Große“ (Lionello de Felice, 1961),
„Der Koloß von Rhodos“ (Sergio Leone, 1961), „Barabbas“ (Richard
Fleischer, 1962) und vor allem „Die Bibel“ (John Huston, 1966).
Man hat die Monumentalfilme oft kritisiert, ohne zu verstehen, wie sie überhaupt
gemacht werden. Unter allen Filmgattungen sind gerade Monumentalfilme am schwierigsten
zu produzieren, nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch, weil man an
ihnen am meisten falsch machen kann.
![]() |
| Szene aus "Das Gewand" mit Jean Simmons, Jay Robinson und Richard Burton, 20th Century-Fox. |
Es müssen im voraus historische Recherchen betrieben werden, die mitunter einige Jahre Zeit in Anspruch nehmen. Dann muß alles aufgebaut werden, weil selten ein antikes Monument noch intakt ist, um es im Film verwenden zu können. Dabei ergeben sich oft schon Schwierigkeiten, weil vieles nicht überliefert ist - z. B. die Formen der Pharaonen-Paläste in Ägypten -, der Regisseur auf der Leinwand aber keine Lücken präsentieren kann und also erfinden muß.
Große epische Rollen
zu spielen verlangt vor allem nach guten Schauspielern. Auch die Handhabung
der Massen, welche in der Antike immer eine große Rolle spielten, erfordert
ein großes Geschick vom Regisseur.
Das Risiko zu einem Monumentalfilm ist immer sehr groß, denn es kann die Produktionsfirma,
sollte er nicht erfolgreich sein, an den Rand des Ruins bringen. Der Film muß
also unbedingt gelingen.
Ein Monumentalfilm ist nicht deshalb automatisch erfolgreich, nur weil er historisch exakt ist, sondern er muß auch eine gute Dramaturgie und Kreativität besitzen. Das Sujet muß in jedem Fall gewissen dramaturgischen Regeln folgen. Der Regisseur muß die Balance zwischen historischer Genauigkeit und dramatischer Wirksamkeit finden, was sehr schwer ist.
Szene aus "Alexander der Große" mit Richart Burton, United Artists.
Bisweilen war eine historische Genauigkeit nicht immer möglich, wie z. B. in „David und Bathsheba“ (Henry King, 1951), wo die Zensur verbot, das David die Bathsheba nackt im Bade erblickte, wie es laut Bibel jedoch hätte sein sollen.
Die sogenannte Schau,
wie sie in Monumentalfilmen oft vorkommt, muß dem Drama untergeordnet
sein bzw. muß sich aus der Handlung ergeben, sie darf nicht aufgesetzt
wirken. Die Massenszenen sind oft als zu übertrieben bezeichnet worden, was
aber nur zeigt, welche Unkenntnis die Kritiker von der Antike haben. Diese Kritiker
wissen nämlich nicht, daß das erste Massenzeitalter gerade die antike Epoche
war, in der man die Massen durch öffentliche Großveranstaltungen belustigte,
aber zugleich auch kontrollierte.
Besonders schwierig ist die Produktion eines Bibelfilms, weil das Publikum
in der Regel schon die Handlung kennt und an die Fähigkeit des Regisseurs hohe
Erwartungen stellt. Auch die Christus-Figur ist eine sehr schwer zu spielende
Rolle, denn der Schauspieler muß glaubwürdig wirken und bewegt sich hierbei
auf der Klinge zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit.
Jedoch gibt es an den Monumentalfilmen auch viel Kritik zu üben, denn obwohl sie eine lange Entstehungszeit
benötigen, fragt man sich oft, warum sie noch so viele historische Fehler aufweisen. Da ist z. B. die Tatsache
zu nennen, daß bereits seit der Stummfilmzeit die Frauengewänder der Protagonistinnen meist nicht der antiken
Epoche, in welcher der Film spielt, entsprechen, sondern der Mode des 20. Jhs. angepaßt sind, in der der
Film gedreht wird. Dies ist beispielweise bei den Rollen der Esther in "Ben Hur" (1925), der Delilah in
"Samson und Delilah" (1949), der Poppäa in "Quo Vadis" (1951), der Samarra in "Tempel der Versuchung"
(1955) und der Cleopatra in "Cleopatra" (1963) deutlich zu beobachten und fällt sogar einem Laien auf.
Andere historische Fehler, z. B. die Tatsache, daß es in der Antike keine Galeerensklaven gab, wie man es
in den "Ben Hur"-Verfilmungen sieht, oder das Vorhandensein des Konstantinbogens in "Cleopatra" (1963),
welcher erst im 4. Jh. n. Chr. erbaut wurde, fallen eher einem Historiker auf.
Eine sehr wichtige dramaturgische
Funktion hat bei den Monumentalfilmen die FILMMUSIK, welche aber
leider immer noch unterschätzt wird. Gerade bei einem epischen Drama, wie es
die Monumentalfilme sind, ist eine perfekte Verbindung von Drama, Schauspiel
und Musik erforderlich.
Die Musik zu den Monumentalfilmen wurde u. a. von Komponisten wie Max Steiner (1888 -
1971), Dimitri Tiomkin (1899 - 1979), Alfred Newman (1901 -1970), Franz Waxman
(1906 - 1967), Mario Nascimbene (1913 - 2002) und von Miklós Rózsa
(1907 - 1995), welcher hierbei eine überragende Rolle spielt, geschrieben.
Mit den erfolgreichen Filmen „Gladiator“ (Ridley Scott, 2000) und „Troja“
(Wolfgang Petersen, 2004) ist eine Dritte Epoche des Monumentalfilms eingeleitet
worden. Dabei können die Filme sehr von den technischen Errungenschaften der
Computeranimation profitieren, besonders in den Massenszenen und beim
Errichten großer Bauwerke.
Die Filmmusik unterstreicht die Spielhandlung
und malt die Vorgänge aus. Sie vollendet mit ungeheurer Kraft die psychologische
Wirkung eines Bildes, weil sie direkt wirkt.
Während es für die sprachliche und gestische Ausdruckskraft eines Schauspielers
Grenzen gibt, erreicht die Musik im Film viel mehr: sie kann die Emotion ins
Unermeßliche steigern.
Rózsa war Komponist ernster Musik sowie Musikwissenschaftler. Als „Quo Vadis“
gedreht wurde, zu dem er die Musik liefern sollte, hat er erstmals Musikarchäologie
betrieben, um seine Musik dem Stil der römischen Zeit anzupassen, in welcher
der Film spielt.
Deshalb klingt die Musik zu Filmen wie "Quo Vadis", "Julius Caesar",
"Ben Hur", "König der Könige",
zu denen Rósza die Musik geschrieben
hat, auch so "römisch".
Leider fährt man auch bei diesen neuen Monumentalfilmen fort, große historische
Fehler zu machen. Erst Oliver Stones Film "Alexander", welcher Ende 2004 in die Kinos
gekommen ist, gelingt es, sich weitgehend an historische Tatsachen zu halten.
Es wäre zu wünschen, daß sich die Regisseure von Historienfilmen bei der Auswahl
des Stoffes in Zukunft auch mal nach Osten wendeten, z. B. in die Geschichte
des Oströmischen Kaiserreichs.
Die Literatur zu den Monumentalfilmen ist vorwiegend in englisher Sparche. Die folgenden Titel bilden einen guten Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit dem Thema:
Cecil B. DeMille:
"The Autobiography of Cecil B. DeMille", herausgegeben von
Donald Hayne, New Jersey 1959.
John Cary:
"Spectacular! The Story of Epic Films", Hamlyn, London 1974.
Chalton Heston:
"The actor's life", Diary 1956-1976, New York 1978.
Hirsch Foster:
"The Hollywood Epic", New Jersey 1978.
Jon Solomon:
"The Ancient World in the Cinema", South Brunswick - New
York 1978.
Derek Elley:
"The Epic Film. Myth and History", London - Boston - Melbourne
1984.
Gary A. Smith:
"Epic Films. Cast, Credits and Commentary on over 250 Historical Spectable Movies",
Jefferson (North Carolina) - London 1991.
Anja Wieber-Scariot:
"Herrscherin und doch ganz Frau. Zur Darstelung antiker Herrscherinnen im Film der 50er und 60er Jahre", in metis, 7. Jg. (1998),
H. 14, S. 73 - 89.
Anja Wieber:
"Hauptsache Helden? Zwischen Eskapismus und Identifikation - Zur Funktionalisierung der Antike im aktuellen Film", in Martin Korenjak,
Karlheinz Töchterle (Hg.),
PONTES 2: ANTIKE IM FILM, Innsbruck - Wien - München - Bozen 2002, S. 13 - 25.
Marcus Junkelmann:
"Hollywoods Traum von Rom", Mainz 2004.
Copyright © 2002 - 2007 by Gabriele Pasch