Themenübersicht zum Byzantinischen Reich

Einführung in die oströmische Geschichte

Bibliographie

Als "Byzantinische Geschichte" wird die Geschichte jenes Teiles des alten Imperium Romanum bezeichnet, welcher im Jahre 476 nicht untergegangen ist. Die sogenannten "Byzantiner" bezeichnen sich folglich als Römer, griechisch Romaioi.

Einen Staat, der den Namen "Byzantinisches Reich" trug, hat es nie gegeben. Es ist ein Neologismus, welcher erst im 16. Jahrhundert von Hieronymus Wolf geprägt wurde. Wenn die Oströmer ihrem Reich einen speziellen Namen gegeben hätten, so wäre ihre Wahl mit Sicherheit nicht auf den Namen einer heidnischen Stadt, wie es das alte Byzantion war, gefallen. Denn spätestens seit Kaiser Theodosius I (379 - 395) wird alles Heidnische im Reich strengstens verboten und das Christentum zur offiziellen und alleinigen Staatsreligion. Wenn vom sogenannten "Byzantinischen Reich" gesprochen wird, ist das Oströmische Kaiserreich, kurz Ostrom, gemeint, dessen Geschichte von der Gründung Konstantinopels im Jahre 330 bis zur Eroberung der Stadt durch die Türken im Jahre 1453 währt.

Das Byzantinische Reich während seiner größten Ausdehnung unter Justinian I.
Aus Pierre Vidal-Naquet, Jacques Bertin: "Bildatlas Weltgeschichte", Hachette, Paris 1987,
dt. Ausgabe Bertelsmann 1989.

Das politische Zentrum des Oströmischen Reiches ist Konstantinopel, das als Neues Rom unter Kaiser Konstantin dem Großen im Jahre 330 eingeweiht wird. So verlagert sich schon in der Spätantike das Machtzentrum des Imperium Romanum nach dem Osten, und während sich das alte Rom immer mehr entvölkert, wächst Konstantinopel in rapidem Ausmaß.

Das Oströmische Reich hat seine größte geographische Ausdehnung unter Kaiser Justinian I (527 - 565), seine größte Machtstellung zur Zeit der Makedonischen Herrscher - Dynastie (843 - 1025).

Die offiziellen Sprachen des Reiches sind bis zum 7. Jahrhundert sowohl Lateinisch als auch Griechisch, die Kaiser tragen lateinische Herrschertitel wie Imperator, Caesar und Augustus.

Zur Regierungszeit des Kaisers Heraklios (610 - 641) findet jedoch eine Gräzisierung statt. Das Lateinische wird abgeschafft und nur das Griechische verbleibt als offizielle Sprache. Auch die lateinischen Kaisertitel werden nun durch den griechischen Königstitel "basileus" ersetzt. Die Stellung der Kirche, welche das öffentliche Leben bestimmt, gewinnt immer mehr an Bedeutung. An ihrer Spitze steht der Patriarch, der dem Kaiser - ganz im Gegensatz zum Papst im späteren Westeuropa - immer untergeordnet bleibt.

Leider wird in Westeuropa die Geschichte des Oströmischen Kaisserreichs kaum wahrgenommen. In der Tat ist aber das Oströmisches Reich im Mittelalter die führende Macht Europas in kultureller, wirtschaftlicher, militärischer und geistiger Hinsicht.

Ostrom hat ein hochentwickeltes Wirtschaftssystem, ganz im Gegensatz zu Westeuropa, wo man nach dem Untergang des Weströmischen Reiches teilweise wieder gezwungen ist, zum Naturalienhandel überzugehen. Das oströmische Reich hat einen geschulten Beamtenstab und ein ausgebildetes Rechtswesen. Zudem besitzt es eine überlegene Kriegstechnik, die ihresgleichen sucht.

Vor allem ist das oströmische Kaiserreich das BOLLWERK DER CHRISTENHEIT gegen den vordringenden Islam. Diese wichtige Rolle Ostroms wird deutlich in der zweiten Häfte des 7. Jahrhunderts und gipfelt in den beiden Araber-Belagerungen Konstantinopels von 674 - 678 und von 717 - 718 unter der Herrschaft der Omayyaden von Damaskus.

Das oströmische Reich wird zu Beginn der islamischen Expansion innerhalb von wenigen Jahren seiner östlichen Provinzen beraubt, das sind Ägypten, Palestina, Syrien, Mesopotamien und Armenien. Dann beginnen die Araber mit regelmäßigen Einfällen in Kleinasien und bauen ihre erste Flotte, mit dem Ziel, die Hauptstadt Konstantinopel anzugreifen.

All diese Vorfälle führen dazu, daß die Oströmer ihr Verteidigungssytem zu Lande und zu Wasser von Grund auf reformieren.

Zu Lande bilden sich vor der Mitte des 7. Jahrhunderts - zunächst in Kleinasien -, die sogenannten Themen heraus, das sind Militärbezirke zur Verteidigung der vom Islam bedrohten Zonen. Dabei werden Truppen in den kleinasiatischen Gebieten angesiedelt, welche aus einheimischen Soldaten bestehen. An der Spitze eines Themas steht der Stratege, der in seinem Gebiet die oberste zivile und militärische Gewalt inne hat. Die Themenorganisation bildet für Jahrhunderte das "Rückgrat" des byzantinischen Staates, weil durch sie auf unsichere Söldnerheere verzichtet wird und so die Staatskosten gesenkt werden können.

Zu Wasser reformieren die Oströmer ihre alte Flotte, welche zumeist aus Handelsschiffen und schwerfälligen Kriegsschiffen besteht, und errichten ihre erste richtige Kriegsflotte, die Flotte der Karabisianoi. Diese besteht aus verschiedenen wendigen Schiffstypen, welche den arabischen Schiffen weit überlegen sind. Der Schiffstyp par excellence der byzantinischen Kriegsflotte ist die Dromone, ein sich aus der attischen Triere entwickelter Schiffstyp von etwa 40 Metern Länge mit dem dreieckigen Lateinsegel.

Zur Zeit der ersten Araber-Belagerung entwickelt man im oströmischen Staat die erste chemische Waffe im modernen Sinne, das gefürchtete Flüssige Feuer, welches von den Dromonen aus mittels eines Flammenwerfers auf die feindlichen Schiffe geschleudert wird. Mit dieser todbringenden Waffe wird der größte Teil der arabischen Flotte während der beiden Araber-Belagerungen vernichtet und auch in den folgenden Jahrhunderten kann sie von den Oströmern mit großem Erfolg eingesetzt werden.

Außerdem besitzt die Stadt Konstantinopel eine einmalige Verteidigungsanlage, ihre Landmauern, welche im gesamten Mittelalter als stärkste Feste der Welt gelten. Die Macht der Araber findet im 7. und 8. Jahrhundert vor diesen gewaltigen Mauern ihre Grenze, ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Im Westen wird fälschlicherweise immer noch Karl Martell als "Champion der Christenheit" gefeiert, weil er 732 ein Kontigent von Arabern bei Tours und Poitier besiegt. Dies ist nicht korrekt.

Die Beutezüge, die die in Spanien ansässigen Araber nach Südfrankreich machen, haben nicht das Ziel, Gallien zu erobern. Gallien wird von den Arabern auch nicht zu Land und zu Wasser systematisch belagert und angegriffen. In Europa gibt es im 7. und 8. Jahrhundert kein besonderes Machtzentrum, welches dem vordringenden Islam Einhalt gebieten könnte. Es gibt dort außerdem keine Kriegsflotte mehr. Wenn also die Araber einen Angriff Galliens zu Wasser und zu Land starten wollten, würde das ganze Land binnen kurzer Zeit muslimisch werden.

Das einzige Machtzentrum, was in jenen Jahrhunderten die strategischen Mittel besitzt, dem arabischen Imperium entgegenzutreten, ist das oströmische Kaiserreich.

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