
Themenübersicht zum Antiken Hellas
Einleitung
Geburt, Herkunft und
Feste der Athena
Tempel und figürliche Darstellungen der Athena
Athena im Trojanischen
Krieg
Bibliographie
Tempel und figürliche
Darstellungen der Athena
Zu Ehren der Göttin enstehen
im Laufe der Zeit zahlreiche Tempel und Heiligtümer in ganz Griechenland, wie
z. B. in Delphi, in Tegea in Arkadien, in Lindos auf Rhodos und vor allem in
Athen auf der Akropolis.
Bereits seit mykenischer
Zeit besitzt die Akropolis von Athen
eine wichtige Bedeutung, weshalb auf ihr immer wieder Monumentalbauten
errichtet werden. Dazu gehört auch der ALTE ATHENA-TEMPEL, welcher im
frühen 6. Jh. v. Chr. errichtet wird. Er trägt den Beinamen Hekatompedon,
weil sein Naós, wo ursprünglich die hölzerne Kultstatue der Athena Polias steht, 100 Fuß lang ist.
480 v. Chr. werden während der Perserkriege
alle Bauten der Akropolis völlig zerstört. Vom Alten Athena-Tempel sind heute nur noch seine Grundrisse zu sehen.
Unter dem Herrscher Perikles (um 495 - 429 v. Chr.) erfährt
Athen eine lange und fruchtbare Friedenszeit, in der die Burg von Athen, die
der Göttin Athena gehört, wieder völlig neu aufgebaut wird. Dabei wird der
Festungscharakter der Akropolis aufgegeben und das ganze Areal in ein
Nationalheiligtum verwandelt. So entstehen zu Ehren der Göttin der Parthenon,
der Tempel
der Athena Nike und das Erechtheion.
Unter diesen Tempeln ist der
sogenannte PARTHENON das berühmteste Heiligtum der Athena. Er ist nicht zu
Kultzwecken bestimmt, sondern repräsentiert vielmehr mit seiner Kolossalstatue
der
Athena Parthenos den Sieg der Griechen über die Perser. Oft wird er als der
Höhepunkt der klassischen Architektur dargestellt, obwohl er ob seiner vielen
Neuerungen eher als unklassisch bezeichnet werden muß. Seine Entstehung vollzieht
sich in mehreren Stadien.
Der erste Parthenon oder Vor-Parthenon stammt noch
aus der Zeit des Solon (um 640 - um
561 v. Chr.) und des Peisistratos.
Er wird nach 510 v. Chr. durch einen wesentlich
größeren Tempel, dem Ur-Parthenon, ersetzt, der an derselben Stelle errichtet wird. Die Arbeiten an
diesem Bauwerk, welches dem traditionellen Tempelschema mit sechs Säulen an der
Vorderseite und 16 an den Längsseiten folgt, sind beim Persereinfall 480 v.
Chr. noch unvollendet.
468 v. Chr. werden unter Kimon (etwa 510 - 450 v. Chr.) die
Bauarbeiten des Tempels wieder aufgenommen und als Baumeister Kallikrates ernannt. Beim Tode Kimons
im Jahre 450 v. Chr. werden die Arbeiten wiederum eingestellt.
Der Bau des endgültigen
Parthenon wird zwischen 448 -
438 v. Chr. auf den Grundmauern dieses Vorgängerbaus
vom Architekten Iktinos
vorangetrieben. Die Gesamtleitung des Baues wird dem berühmten Bildhauer Pheidias (um 490 - 430/ 420 v. Chr.)
übertragen, welcher auch die 12 Meter hohe gold-elfenbeinerne Kolossalstatue der Athena Parthenos im
Innern des Tempels errichtet.

Parthenon: Gesamtansicht.
Photo: Gabriele Pasch.
Der neue Parthenon wird in seinen Proportionen etwas
verändert und weicht dadurch von den traditionellen Tempeln in Olympia und
Ägina ab. Er ist im dorischen Stil errichtet, mit 10,5 m hohen Säulen, und
besteht aus pentelischem Marmor. Der Tempel ist ein Peripteros, d. h. er hat umlaufende Säulen, je acht Säulen -
anstatt der traditionellen sechs - an der 31 m breiten Fassade und Rückseite,
und je 17 Säulen - anstatt der üblichen 16 - an den 70 m langen Seiten. Vom Typ
her ist er ein Amphiprostilos, d. h.
mit einer offenen Säulenvorhalle - von extrem geringer Tiefe, bestehend aus
sechs Säulen - sowohl an der Vorderseite als auch an der Rückseite.

Parthenon: Grundriß.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard: „Das klassische Griechenland“, München 1971.
Der Naós, in welchem sich die Kultstatue der Athena befindet, ist ungewöhnlich groß angelegt für
einen derartigen Tempel. Er hat drei Schiffe, von denen das Mittlere gegenüber
der sonst üblichen Anordnung breiter angelegt ist. Weiterhin präsentiert er die
üblichen zwei Säulenstellungen übereinander.
Der Parthenón genannte hintere kleine Raum, in dem vielleicht der neue Peplos für die Göttin gewebt oder auch
der Staatsschatz aufbewahrt wurde, hat vier hohe Säulen im Innern, welche eine
überraschende Neuerung zeigen: sie sind im
ionischen Stil errichtet. Diese Ionisierung
eines dorischen Bauwerks, d. h. die Verwendung von typisch ionischen
Elementen, wie die Kymatien auf den
oberen Wandgesimsen, ist im Parthenon erstmals anzutreffen.
Am verschwenderischen Skulpturenschmuck des Tempels, welcher
alle anderen Monumente dieser Art übertrifft, sind unzählige Handwerker
beteiligt, welche von Pheidias beaufsichtigt werden. In den 92 Metopen des umlaufenden Triglyphen-Frieses sind mythische Szenen
dargestellt, im Giebel auf der Ostseite
die Geburt
der Athena aus ihres Vaters Haupt, im Giebel der Westseite der Streit Athenas mit Poseidon um den
Besitz Attikas. Der große, 160 m
lange, Fries um die äußere Cella-Wand unter der Kassettendecke
präsentiert den großen Zug der Panathenäen.
Ein anderer Tempel zu Ehren
Athenas als Siegesgöttin ist der
kleine ATHENA-NIKE-TEMPEL. Bereits um 449 vom Neffen Kimons entworfen,
wird er jedoch erst 432 - 421 v. Chr. nach Vollendung des Parthenon auf einem Felsvorsprung, im Südwesten der Akropolis, vom
Architekten Kallikrates errichtet.
Es handelt sich dabei um einen ionischen Tempel mit den Maßen 5 x 8 Meter. Er
ist ein Amphiprostylos, d. h. mit je vier Säulen an der Vorder - und
der Rückseite.

Athena-Nike Tempel. Photo
Gabriele Pasch.
Ein Relieffries, nicht ein Flachrelief wie noch beim Parthenon, sondern ein Hochrelief, zieht
sich um den ganzen Bau. Er repräsentiert an seiner Ostseite eine Ansammlung von Göttern mit der in der
Mitte stehenden Athena, flankiert von den sitzendem Zeus und Poseidon. Athena
ist hier als flügellose Siegesgöttin,
als „apteros Nike“ dargestellt, damit sie nach dem Volksglauben ihr Volk nicht
verlassen kann. Auf den drei anderen Seiten sind die siegreichen Schlachten der Perserkriege dargestellt.
Das sogenannte ERECHTHEION,
nördlich vom Parthenon gelegen, ist
der jüngste Bau der Akropolis in klassischer Zeit. Es wird in den Jahren 421 -
406 v. Chr. vom Architekten Philokles im ionischen Stil erbaut. Das
Gebäude umschließt mehrere ältere Heiligtümer. Aus diesem Grund erscheint der
Baukomplex auch etwas unzusammenhängend, denn es gilt, die Verschiedenheit der
religiösen Kulte sowie die Unebenheit des bereits bebauten Geländes unter einen
Hut zu bringen.
Der Ostteil des Tempels ist der Athena
Polias mit ihrem hölzernen Kultbild geweiht, welchem der neugewebte Peplos anläßlich der Panathenäen dargebracht wird, während im
Westteil der mythische König Erechtheus verehrt wird, dessen Grab
sich hier befindet.

Erechtheion. Photo Gabriele
Pasch.
Das ganze Gebäude präsentiert
sich als ein rechteckiger Hauptbau mit angrenzenden Gebäudeteilen im Norden und
Süden. Der in vier Säle aufgeteilte Hauptbau hat an der Ostseite eine prostyle Fassade,
d. h. mit sechs vorgelagerten ionischen Säulen, während sich an der
gegenüberliegenden Westseite ionische
Halbsäulen mit Halbpfeilern verbinden.
An der Nordseite springt ein wunderschöner Portikus mit ionischen Säulen
hervor, unter dem sich eine reich verzierte monumentale Tür öffnet. Ebenfalls
an der Nordseite sieht man durch eine Öffnung im Boden das sogenannte Dreizackmal
des Poseidon, das er hinterlassen hatte, als er sich mit Athena um den Besitz
Attikas stritt. Im Süden springt die
berühmte Korenhalle hervor, deren
Gebälk von sechs Karyatiden getragen
wird.
Seit römischer Zeit wird der
Tempel im Innern mehrfach verändert, wobei er seine ursprüngliche Aufteilung in
einen West - und einen Osttrakt verliert. Nur der Außenbau ist im großen und
ganzen in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben.
Südöstlich vom Erechtheion befand sich vermutlich der GROSSE
ATHENA-ALTAR.
Das sogenannte HEPHAISTEION
beherrscht auf einem Hügel die westliche Ecke der Agorá, den Markt - und Versammlungsplatz Athens, und ist einer der besterhaltenen
griechischen Tempel. Er ist Athena und Hephaistos geweiht.
Es handelt sich um einen
dorischen Tempel mit sechs Säulen an der Fassade und 13 Säulen an den
Längsseiten, welcher um 449 v. Chr., vermutlich von Kallikrates, begonnen, aber erst nach dem Tode des Perikles
zwischen 421 und 415 v. Chr. beendet wird. Der Tempel hat bestimmte Merkmale,
welche bereits im Parthenon anzutreffen
sind.
Auch im Hephaisteion finden sich, wie im Athena-Nike-Tempel, ionische
Friese über der Ost - und Westfront des Naós mit Hochreliefs
anstatt dorischen Flachreliefs. An der Ostseite
schauen auf dem Felsen sitzende Götter Kämpfen zu, an der Westseite ist die Kentauromachie
zu sehen.

Hephaistos-Tempel. Photo
Gabriele Pasch.
Schon seit mykenischer Zeit wird Pallas Athene figürlich dargestellt. Eine der ältesten Darstellungen findet sich auf einer
bemalten KALKSTEINPLATTE AUS MYKENE, entstanden um 1500 v. Chr., welche
als Athena gedeutet wird. Es handelt sich dabei um eine Darstellung mit drei
Figuren, deren Mitte Athena mit dem achtförmigen
Schild der frühen mykenischen Epoche einnimmt, hinter welchem die Göttin
fast völlig verschwindet. Die beiden weiblichen Figuren rechts und links von
ihr sind als Adorantinnen zu betrachten.
Bis zur archaischen Epoche wird Athena in eher statischer Weise
dargestellt. Sie wird auch sitzend präsentiert, so wie es höchst wahrscheinlich
in dem verloren gegangenen alten Kultbild der ATHENA POLIAS, dem
anläßlich der Panathenäen im Erechtheion
der neugewebte Peplos geweiht wurde,
der Fall war. Von ihm haben sich einige archaische Votiv-Terrakotten erhalten,
welche das Sitzbild ungefähr widergeben.
Diese sitzende Athena gab
den Typus der friedlichen Göttin wider. Sie war aus Olivenholz gefertigt, dem
Holz des heiligen Baumes der Zeustochter. Athena trug statt des Helmes eine
hohe Krone und die Ägis, auf die das Gorgoneion gemalt war. In der Rechten
hielt sie eine Opferschale.
In der spät-archaischen Epoche wird der Typus der kriegerischen Athena herausgebildet, die sich in voller Rüstung,
d. h. mit Helm, Ägis, Schild und
Lanze, dem Feind entgegenstellt.
Auf den früheren dieser Darstellungen
hält Athena die Waffen zumeist noch als Attribute. So auch in der kurz vor 500
v. Chr. entstandenen ATHENA DES APHAIA-TEMPELS von Ägina, wo sie in der Mitte des West-Giebels zwischen den Streitern in
voller Rüstung erscheint. Die Linearität des Gewandstils ist noch sehr streng
und spiegelt die spätarchaische Gesinnung wider.

Athena vom Westgiebel des
Aphaia-Tempels in Ägina, Glyptothek München.
Aus Werner Fuchs: „Die
Skulptur der Griechen“, München 1983.
Eine lanzenschwingende ATHENA
PROMACHOS hingegen, welche ihre Waffen aktiv einsetzt und dem Feind
entgegenstürmt, präsentiert sich in der spät-archaischen, etwa um 480 v. Chr.
entstandenen Bronze-Statuette von der Akropolis in Athen. Die Gewandfalten sind
zahlenmäßig reduziert, wirken dafür aber sehr schwer.

Athena Promachos,
Bronze-Statuette. Nationalmuseum, Athen.
Aus Werner Fuchs.
In der klassischen Epoche wird Athena auch gerne in weniger kriegerischen
Posen dargestellt, wie in einigen frühklassischen Metopen der
Cella-Ostseite des Zeus-Tempels in
Olympia um 465 - 460 v. Chr. In einer davon, nämlich ATHENA
HILFT HERAKLES BEIM TRAGEN DES HIMMELS, erscheint die Göttin völlig
waffenlos in der linken Bildseite, mit dem sogenannten gegürteten Peplos bekleidet. Sie wendet sich Herakles zu, dem sie mit ihrer Linken
völlig mühelos - so als wäre sie gar nicht anwesend - hilft, das Himmelsgewölbe
zu tragen. Atlas kommt von rechts
mit den Äpfeln der Hesperiden.

Athena hilft Herakles beim
Tragen des Himmels, Olympia, Museum.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard.
In der sogenannten ATHENA
ELGIN, einer Bronzestatuette, welche gegen 460 v. Chr. entstanden ist,
sieht man die Göttin ebenfalls in einer unkriegerischen Pose. Sie trägt
den Peplos
und den korinthischen Helm und hält anstelle der sonst üblichen Lanze eine Eule, das ihr zugeordnete Symbol der
Weisheit, in der Rechten. Das vortretende rechte Spielbein macht sich unter den
Gewandfalten leicht bemerkbar.

Athena Elgin, New York, Metropolitan Museum.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard.
Im gegen 460 v. Chr.
entstandenen WEIHRELIEF DER ATHENA von der Akropolis begegnet uns ein
weiteres Beispiel frühklassischer Bildkunst. Die Göttin zeigt sich hier von
einer ganz anderen Seite: sie steht in nachdenklicher Pose auf ihre Lanze
gestützt und betrachtet einen Grenzstein. Athena trägt den Peplos und den korinthischen Helm. Während die unteren Falten ihres
Gewandes noch sehr streng gehalten sind, begegnen uns im Oberteil weich
fließendere Gewandfalten.

Weihrelief an Athena.
Akropolis-Museum, Athen.
Aus Werner Fuchs.
Ebenfalls zur klassischen
Epoche gehört die um 450 v. Chr. entstandene ATHENA-MARSYAS-GRUPPE des
Myron von der Akropolis in Athen,
welche nur in einigen römischen Kopien überliefert und deren bronzene Variante
ein gelungener Rekonstruktionsversuch ist.
In ihr haben wir eine sehr
mädchenhafte Athena vor uns. Sie trägt wieder den gegürteten Peplos, den korinthischen Helm und hält
die Lanze in ihrer Rechten. Soeben hat sie die Auloi, welche den Mittelteil der Komposition beherrschen,
weggeworfen, denn sie hatten beim Spielen das Gesicht der Göttin entstellt. Der
Waldgeist Marsyas entdeckt das
Instrument und will es sofort begierlich aufheben. Athena hält ihn jedoch mit
gebieterischer Gebärde davon ab. Die Handlungen beider Personen verlaufen in
Wirklichkeit nicht gleichzeitig, sie werden erst von Myron räumlich miteinander
verbunden.

Athena und Marsyas. Moderne
Rekonstruktion nach Myron.
Aus Werner Fuchs.
In die Zeit der Hochklassik fällt die nach 450 v. Chr.
entstandene ATHENA LEMNIA des Pheidias,
welche die attischen Kolonisten von Lemnos als Weihegeschenk für die Akropolis
von Athen stiften.
In der modernen Bronzerekonstruktion,
welche nach dem Bronzeoriginal des Pheidias angefertigt wurde, steht Athena im Peplos mit einer abweichenden Art der Ägis: anstatt über beide Schultern
gelegt ist sie hier um die Taille geschwungen und nur über der rechten Schulter
zusammengeheftet. Die Göttin hält in der Linken die Lanze und betrachtet
aufmerksam den mit der vorgestreckten Rechten gehaltenen korinthischen Helm.
Ihre Haare betonen die männliche kriegerische Seite, sie sind kurz geschnitten
und leicht gekräuselt.

Athena Lemnia. Moderne
Rekonstruktion. Staatliche Kunstsammlungen, Dresden.
Aus Werner Fuchs.
Die 12 m hohe Gold-Elfenbein-Statue,
die sogenannte ATHENA PARTHENOS vom Naós
des Parthenon, welche Pheidias
zwischen 447 - 438 v. Chr. errichtet und deren Aufstellung 438 erfolgt, ist verschollen. Sie war als
Repräsentationsbild für ihre Stadt Athen gedacht, diente also nicht zum Kult.
Die verkleinerten römischen Nachbildungen späterer Zeit geben nur einen
schwachen Abglanz von diesem Meisterwerk wider, wie die sogenannte Varvakion-Athena,
eine in Athen gefundene Marmor-Statuette aus dem 2. Jh. n. Chr., bei der das
ursprüngliche ikonographische Schema und die Details noch gut zu erkennen sind.
Die Göttin des
Pheidias-Originals stand nach Pausanias (2.
Jh. n. Chr.) auf einer 1,20 m hohen Basis, auf deren Relief die Geburt der Pandora dargestellt war. Sie
trug einen Helm mit einer Sphinx in der Mitte, welche von Greifen flankiert war.
Der Kern der Statue bestand
wahrscheinlich aus einem Holzgerüst. Die Gewandung der Göttin war aus
abnehmbaren Goldblättchen, welche über 100 kg gewogen haben sollen, während die
nackten Körperteile aus Elfenbein bestanden.
Die Varvakion-Athena trägt wieder
den gegürterteten Peplos und einen
reich verzierten attischen Helm. Die schwere Ägis ist kurz
abgeschnitten und hat in der Mitte über der Brust das Gorgoneion. Auf der vorgestreckten rechten Hand trägt Athena die
Siegesgöttin Nike, welche noch von einer
hohen Säule - im Pheidias-Original wahrscheinlich nicht vorhanden - gestützt
ist. Die linke Hand legt sie auf den großen Rundschild, an dessen Innenseite
sich eine Schlange, wohl Erichthonios, emporwindet. Als Verzierung hat der
Schild außen den Amazonenkampf und
innen die Gigantomachie in
getriebenen Reliefs.
Athena ragt wie ein Pfeiler
empor, ein Effekt, der noch durch die Steilfalten ihres Gewandes und die hohen
Sandalen erhöht wird. Während das rechte Standbein unter den strengen Falten
des Peplos verborgen bleibt, ist das linke Spielbein leicht zurückgesetzt und
unterbricht so das pfeilerartige Aufragen der Göttin.

Varvakion-Athena. Athen,
Nationalmuseum.
Aus Werner Fuchs.
Ebenfalls auf der Akropolis
stand die verschollene 16 m hohe Bronzestatue der ATHENA PROMACHOS, auch
dies ein Werk des Pheidias, der es um die Mitte des 5. Jhs. v. Chr. geschaffen
hatte. Die Lanze der Göttin hatte eine goldene Spitze und war schon von weitem
sichtbar. Sie war als Palladion, d.
h. als Schutzmittel gegen die Feinde der Stadt, gedacht.
Die sogenannte ATHENA
FARNESE ist eine Marmorkopie nach einem Bronzeoriginal des Pheidias-Umkreises und stammt aus den
Jahren um 430 - 420 v. Chr. Athena ist hier mit dem einfachen Chiton und dem gesteckten Mantel
bekleidet. Ferner trägt sie die Ägis mit
auffällig gekräuselten Schlangen daran und den Helm mit einer Sphinx in der
Mitte. Mit der Linken hält sie ihre Lanze, während die Rechte nach vorn
gestreckt ist. Die Gewandfalten fließen weich und harmonisch in diesem
hochklassischen Werk.

Athena-Farnese. Marmorkopie.
Neapel, Museo Nazionale Archeologico.
Aus Werner Fuchs.
In hellenistischer Zeit verliert die Ägis der Athena-Skulpturen an Ausdruck: sie wird dann meist so
stark verkleinert, daß sie nicht viel mehr als eine Halsverzierung darstellt.
Auch in der Vasenmalerei wird die Göttin in mannigfaltiger
Weise dargestellt. In die archaische
Epoche, und zwar ins 3. Viertel
des 6. Jhs. v. Chr., fällt die schwarzfigurige Trinkschale des Phrynos-Malers mit der EINFÜHRUNG
DES HERAKLES IN DEN OLYMP. Athena befindet sich in der Mitte der Komposition.
Sie hält Herakles, welcher links zu sehen ist, bei der Hand und führt ihn vor
ihren Vater Zeus, der rechts im Bild auf seinem Thron sitzt. Der Göttervater
wird Herakles nach einem abenteuerlichen Leben, in welchem die Zeustochter dem
Helden oft beigestanden hat, die Unsterblichkeit verleihen. Die Göttin ist in
Frontalansicht zu sehen, nur ihr Kopf ist im Profil, ihrem Vater zugewandt. Sie
ist an ihrer großen Ägis zu erkennen,
die ihre reichbestickte und noch sehr archaisch gestaltete faltenlose Tunika
bis zur Taille bedeckt. Ansonsten trägt sie keine Waffen.

Einführung des Herakles in
den Olymp, Trinkschale, London.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard: „Das archaische Griechenland“, München 1969.
In der Zeit zwischen 500 -
480 v. Chr., der letzten Phase des archaischen Stils, ist die rotfigurige
Amphora des sogenannten Berliner Malers mit
der SINNENDEN
ATHENA anzusiedeln. Die sehr grazil wirkende Göttin ist vollständig im
Profil dargestellt, mit dem Kopf in nachdenklicher Weise leicht nach vorne
geneigt. Sie trägt einen reich verzierten und leicht durchsichtigen Chiton mit dem Mantel darüber und ist
voll bewaffnet. Schild und Lanze hält sich beide in ihrer Linken, während sie
mit der Rechten einen Weinkrug hochhält.

Sinnende Athena, Amphora,
Basel.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard.
In die Zeit der Klassik, um 480 - 450 v. Chr., fällt
der rotfigurige
Weinkrug eines unbekannten Malers mit der Szene ATHENA MODELLIERT EIN PFERD.
Es handelt sich wiederum um eine Profildarstellung der Göttin. Sie hat ihre
Rüstung bis auf den Helm, unter dem ihre langen Haare hervorwallen, abgelegt
und stattdessen eine Schürze über ihren Chiton
gebunden. In der Linken hält sie einen Tonklumpen, mit dem sie sich am Maul
des Pferdes zu schaffen macht. Hinter ihr sieht man an der Wand das
Handwerkszeug der Göttin.

Athena modelliert ein Pferd.
Weinkrug, Berlin.
Aus Charbonneaux, Martin,
Villard: „Das klassische Griechenland“, München 1971.
Ebenfalls aus dem 2. Viertel
des 5. Jhs. v. Chr. stammt der rotfigurige Henkelkrug mit der Szene
ATHENA
WECKT THESEUS aus der Umgebung des Pan-Malers.
Wir sehen die Zeustochter an der linken Seite im Profil stehend, wie sie gerade
Theseus weckt, um ihn aufzufordern,
die schlafende Ariadne zu verlassen.
Theseus hat kurz zuvor mit Athenas Beistand den Minotauros auf Kreta getötet
und ist mit Ariadnes Hilfe aus dessen Labyrinth geflohen. Danach ist er mit ihr
zur Insel Naxos geflüchtet. Athena trägt den Helm, unter welchem wieder die
langen Haare hervorwallen, und die Ägis
nebst der Lanze. Ihr Chiton weist
sehr viele und feine Falten auf.

Athena weckt Theseus. Henkelkrug, Tarent.
Aus Charbonneaux, Martin, Villard.
Copyright © 2004
by Gabriele Pasch